Malerei

Malerei

 

Ein trockener Farn, ein kleines Wildkraut, ein vermooster Zweig, eine dornige Ranke, kleine wilde Blumen am Wegrand: alles was draußen vor meiner Haustür unkontrolliert wächst, wuchert und welkt,  male ich mit feinstem Pinsel und Aquarellfarben. Oft wirken diese gemalten Naturdinge so lebendig, dass Ausstellungsbesucher im ersten Moment denken ich hätte aus Federn eine Collage geklebt oder frische Blüten gepresst. Wenn sie dann entdecken, dass alles gemalt ist, rufen sie: „Ach nee, die sind ja echt!“ (wobei natürlich die gepressten Blüten echt wären...).

Anfang der Neunziger Jahre habe ich an der Lübecker Werk-Kunst-Schule ein Grafik-Design-Studium abgeschlossen. Das war die Zeit, als Computerdesign noch in den Kinderschuhen steckte und unsere Lehrer eher Künstler waren, die sich nebenbei mit Werbung etwas dazu verdienten. An dieser Schule habe ich genau das gelernt, was ich für meine Art der Malerei brauche: Zeichnen, genaues Hinsehen und Farbenlehre.

Doch bevor die Pflanzen anfingen, mir mit Hilfe des Pinsels quasi auf den Aquarellblock zu wachsen, hab ich einige Jahre im wilden Mecklenburg mitten unter ihnen gelebt. Die Brennnessel bildete einen undurchdringlichen Dschungel, die Ackerwinde wuchs mir sogar zwischen den Balken eines alten Fachwerkhauses bis ins Zimmer hinein. Es war kaum möglich diese unbändige Natur zu kontrollieren. Ich musste mit den Pflanzen leben, wenn ich mich nicht über sie ärgern wollte.

Wenn ich nun eine Pflanze - wie zum Beispiel die Ackerwinde – male, versuche ich ihre ganze Persönlichkeit zu erfassen und wieder zu spiegeln: ihre ungeheure Kraft bei gleichzeitiger Eleganz und Zartheit.

Wenn möglich male ich nur nach dem lebenden Modell. Natürlich achte ich bei seltenen Pflanzen darauf, dass ich keinen Schaden in der Natur anrichte. Ich grabe meine Modelle aus und bringe sie an ihren Platz zurück, wenn ich sie gemalt habe. Manchmal suche ich auch einen neuen Platz für sie, denn seit im Lauenburgischen so viel Mais angebaut wird, sind viele meiner floralen Freunde auf dem Rückzug. Was die Giftspritze nicht schafft, erledigt dann der Mähbalken; Jahr für Jahr sehe ich weniger Kornblumen. Also hole ich meine wilden Modelle zu mir nach Hause und so hat der Garten aus diesem Grund ganz besondere Ecken: aus dem Kopfsteinpflaster wächst Natternkopf, auf dem Sandstreifen vor der Hecke wartet die Nachtkerze auf nächtliche Bestäuber, der Wiesenbocksbart genießt ein Stück Wildwiese, während Lungenkraut und rote Lichtnelke um die Wette leuchten.

Im Winter sind Muscheln, Federn, Schnecken, Zweige, Farne, Hagebutten und Baumrinden meine Modelle.

 

 

 

 

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© Anna Malten